Diversität in der Pflegeausbildung erlebbar machen
Erding I 20.08.2026

„Das betrifft mich doch gar nicht.“ Mit dieser Einschätzung starteten die Auszubildenden des zweiten Ausbildungsjahres an der Berufsfachschule für Pflege Erding in die Unterrichtseinheit zum Thema Diversität. Doch schnell wurde deutlich: Vielfalt betrifft uns alle, damit auch die professionelle Pflege.
Gemeinsam mit Pflegepädagogin Tanja Lohner setzten sich die angehenden Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner Schritt für Schritt mit der Frage auseinander, was Diversität bedeutet und welche Rolle sie im beruflichen und persönlichen Alltag spielt. Dabei orientierten sie sich an den sieben Diversity-Dimensionen, die Balian Buschmann in seinem Buch „Warum Diversity uns alle angeht“ beschreibt. Neben der sexuellen Orientierung gehören unter anderem auch die soziale Herkunft und die individuelle Identität dazu.
Um das Thema für die Auszubildenden greifbar und erlebbar zu machen, organisierte Tanja Lohner gemeinsam mit den Kolleginnen Kerstin Sievers und Christina Hirst eine queere Stadtführung durch München. Begleitet wurden die Erdinger von Jan Erdmann, selbst Pflegefachkraft und homosexuell. Auf einer rund zweistündigen Tour erhielten sie spannende und zugleich nachdenklich stimmende Einblicke in die Geschichte, Entwicklung und Bedeutung der queeren Community in München. Dabei verband die Stadtführung historische Orte mit persönlichen Geschichten. In unmittelbarer Nähe befinden sich das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen in der Dultstraße sowie das AIDS Memorial am Sendlinger Tor. Orte, die an Ausgrenzung, Verfolgung und Verlust erinnern, aber ebenso für Sichtbarkeit, Erinnerung und gesellschaftlichen Wandel stehen.
Den Abschluss der Stadtführung bildete ein Besuch der Deutschen Eiche im Gärtnerplatzviertel. Gastwirt Dietmar Holzapfel gewährte den Auszubildenden einen offenen und authentischen Einblick in die Geschichte des traditionsreichen Hauses und seine Bedeutung für die queere Münchner Community. Das Porträt von Freddie Mercury an der Fassade erinnert daran, dass der Frontmann der Rockband Queen in den 1980er-Jahren häufig ein gern gesehener Gast im Hotel und in der Münchner Szene war.
„Unglaublich, wie viele Geschichten – schöne wie schreckliche – sich hinter den Fassaden Münchens verbergen, an denen wir täglich achtlos vorbeigehen“, zeigten sich die Auszubildenden am Ende der Stadtführung beeindruckt. Für Tanja Lohner ist die Auseinandersetzung mit Vielfalt ein wichtiger Bestandteil der Pflegeausbildung: „Jeder Mensch, ob pflegebedürftig oder nicht, ist wertvoll – mit seiner ganz eigenen Biografie, seiner Geschichte und seiner sexuellen Orientierung. Diese Vielfalt verdient nicht nur Respekt, sondern auch eine Pflege, die sie bewusst anerkennt. Das ist ein Auftrag an uns alle als Gesellschaft. Als Pflegepädagogin ist es mir wichtig, dies zu vermitteln.“
Die Stadtführung machte für die Auszubildenden deutlich, dass Diversität weit mehr ist als ein theoretisches Unterrichtsthema. Eine individuelle, wertschätzende und diskriminierungssensible Pflege beginnt damit, Menschen in ihrer ganzen Vielfalt wahrzunehmen und ihre Lebensgeschichten ernst zu nehmen. Mit vielen neuen Eindrücken und persönlichen Erkenntnissen kehrten die Auszubildenden nach Erding zurück – und mit einem neuen Blick darauf, was Vielfalt für sie selbst und für ihren zukünftigen Pflegeberuf bedeutet.
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