Wir für den Menschen

Pflegenachwuchs aus neun Nationen beginnt generalistische Ausbildung

Erding I 10.09.2020

Zum ersten Mal drücken in Erding angehende Pflege-Generalisten die Schulbank. 18 Jahre bildete die Berufsfachschule erfolgreich Altenpflegekräfte aus, bevor die Reform der Pflegeausbildung nicht nur das Berufsbild, sondern auch die Berufsbezeichnung grundlegend veränderte. 31 zukünftige Pflegefachfrauen und -fachmänner starteten am 1. September in die neue dreijährige Ausbildung, die umfassende Einsatzmöglichkeiten in alle Pflegebereiche eröffnet.

Die erste Woche im sogenannten Einführungsblock liegt hinter ihnen. 31 Auszubildende aus neun Nationen, davon elf Männer folgen - wie in den weiterführenden Schulen auch - mit Mund-Nasen-Masken und mit Abstand dem Unterricht. Die hochmotivierten jungen Menschen kommen unter anderem aus Südkorea, Madagaskar, Togo oder Peru. Sie sind sich trotz ihres unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds nach wenigen Tagen sicher, dass sie den richtigen beruflichen Weg eingeschlagen haben. „Ich habe mich für diese Ausbildung entschieden, weil ich Verantwortung übernehmen möchte", erzählt Abdirahman Mohamed Isse aus Somalia. Der 23-Jährige war vor fünf Jahren als unbegleiteter Jugendlicher aus Somalia geflohen. Für die Unterstützung seiner deutschen Pflegeeltern, mit deren Hilfe er die Mittelschule und die einjährige Ausbildung zum Pflegehelfer erfolgreich abschließen konnte, ist er sehr dankbar. Nach zwei Jahren in der stationären Altenhilfe will er sich beruflich weiterentwickeln und sieht im neuen Berufsbild vielversprechende Zukunftsperspektiven. Das Schulklima gefällt ihm ebenso gut wie seiner Kurskollegin Nicole Rasantatriniaina. Die 26-Jährige kam zunächst als Au-pair nach Deutschland und absolvierte anschließend ein Freiwilliges Soziales Jahr. Lernsituationen und Fallbeispiele sind ihr vertraut, da sie in Madagaskar bereits eine Hebammen-Ausbildung absolviert hatte, die bei uns jedoch nicht anerkannt wird. „Neu sind für mich die ethischen Inhalte und der generationenübergreifende Ansatz der Generalistik", berichtet Nicole.

Doch wie sieht die neue Pflegeausbildung konkret aus? Neben Hygiene- und Schutzmaßnahmen stand bisher vorwiegend Theorie auf dem Stundenplan. „Praktische Tätigkeiten können aufgrund der Abstandsregelungen vorerst nicht geübt werden", erklärt Kerstin Sievers. Um die Azubis auf ihre Praxiseinsätze vorzubereiten, greift die Lehrerin für Pflege im Moment auf Erklär-Videos aus einem E-Learning-Programm zurück. „Pflegerische Maßnahmen wie Körperpflege, Mobilisation oder die Kontrolle von Blutdruck und Puls können wir nur theoretisch vermitteln." Bei den nachfolgenden Einsätzen in Kliniken, Seniorenheimen und ambulanten Diensten werden die Schüler von eigens dafür geschulten Praxisanleitern angeleitet und üben gemeinsam mit ihnen. „Viele Pflegemaßnahmen finden Anwendung in allen Bereichen des Gesundheitswesens. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen der Kinder- und der Altenpflege. Deshalb sind die theoretischen Inhalte breiter gefächert, denn Alten-, Kinderkranken- sowie die Gesundheits- und Krankenpflege sind jetzt zu einer Berufsausbildung zusammen geführt. Dafür werden Krankheitsbilder weniger altersspezifisch unterrichtet", schildert Sievers eine der Änderungen durch die Pflegeberufereform.

Hinter dem Erdinger Schulteam unter der Leitung von Michael Nauen liegen anstrengende Monate. „Es waren nicht nur die Umstellungen auf die neuen Lehrpläne. Die bis dato unklare Finanzierung und die Kooperationsverhandlungen mit den praktischen Einsatzfeldern stellten eine ebenso große Herausforderung dar", blickt Nauen zurück. „Die Unsicherheit, welche Corona-bedingten Auflagen im Klassenzimmer erfüllt werden müssen, oder ob überhaupt Präsenzunterricht möglich ist, kam noch dazu", ergänzt er. Die Pandemie scheint jedoch einen positiven Effekt auf die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen in der Pflege zu haben. „Wir mussten einigen sogar absagen", erzählt der Schulleiter und vermutet, dass der Stellenwert eines sicheren Arbeitsplatzes durch Corona in den Vordergrund gerückt ist. „Darüber hinaus ist die neue Berufsausbildung EU-weit anerkannt und erhöht zusätzlich die Attraktivität der Profession."